3 „Hansa-Stuben“

Markt 17

Hier verkehrten die Anhänger der NSDAP und die Mitglieder der uniformierten Sturmabteilung (SA). Zwischen ihnen und den im schräg gegenüber liegenden „Gasthof Stadt Kiel“ verkehrenden Angehörigen des Reichsbanner kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Im Verlauf einer Gedenkfeier von SPD und Reichsbanner anlässlich des Jahrestages der Revolution von 1918 wurde der SS-Mann Karl Radke vor dem Lokal tödlich verletzt.

In der Gastwirtschaft von Ernst Breede am Marktplatz (heute „Markt 17“) verkehrten ab etwa 1928 die Anhänger der NSDAP. Die Hansa-Stuben waren auch das „Sturmlokal“ der bereits 1926 in Eutin gebildeten paramilitärischen Sturmabteilung (SA) der NSDAP, die seit 1928 unter der Führung von Heinrich Böhmcker stand. In den Jahren davor hatten auch SPD und Angehörige des Reichsbanners hier verkehrt, ehe sie in das Gasthaus „Stadt Kiel“ ausgewichen waren. Viele der Auseinandersetzungen zwischen den Eutiner Nationalsozialisten und ihren Gegnern spielten sich auf dem Marktplatz im Bereich zwischen den beiden Gastwirtschaften ab.

Für den 9. November 1931 war von SPD und Reichsbanner eine Gedenkfeier mit anschließendem Umzug anlässlich des Jahrestages der Revolution von 1918 geplant. Bereits am Vortag war es zu Zusammenstößen zwischen der Eutiner SA und SS, die mit rund 200 Mann zur Erinnerung an den Hitler-Putsch in 1923 aufmarschiert waren, und Angehörigen des Reichsbanners gekommen. Die örtliche Parteileitung der NSDAP hatte daraufhin in der Erwartung von Auseinandersetzungen zusätzliche uniformierte Parteiformationen aus der Umgebung nach Eutin beordert, und einige der am Umzug teilnehmenden Reichsbannerangehörigen waren mit Knüppeln und Messern bewaffnet. Damit war ein Zusammenstoß so gut wie sicher. Als der Umzug des Reichsbanners gegen Abend wieder auf dem Marktplatz eintraf, wurde er vor dem „Sturmlokal“ der SA mit Sprechchören erwartet. Im Verlauf der Schlägerei, die sich daraus entwickelte, erhielt der SS-Mann Karl Radke mehrere Schläge und Messerstiche, von denen einer tödlich war. Die Täter aus dem Kreis des Reichsbanners wurden nie ermittelt.

Die Zeit nach der Ermordung Radkes und insbesondere die Begräbnisfeierlichkeiten in Eutin und seiner Heimatstadt Borby (heute Stadtteil von Eckernförde), wo er beerdigt wurde, geriet zu einem beispiellosen Propagandaerfolg der NSDAP im Landesteil Lübeck und Schleswig-Holstein. Bei der Eutiner Gedenkstunde hielt der Propst der evangelischen Kirche, Wilhelm Kieckbusch, die Trauerandacht. Anschließend fuhr ein „schier endloser“ Leichenzug durch die schwarz geschmückten Straßen der Stadt und vorbei an dem halbmast geflaggten Rathaus. In Borby nahm Heinrich Böhmcker seinen etwa 1.000 auf dem Kirchhof angetretenen SA- und SS-Männern das Gelübde ab, „nicht nachzulassen im Kampf für die […] Befreiung des deutschen Volkes“, und er schwor Rache an den „Volksverrätern“ und den an der Mordtat Schuldigen.

Am 30. Januar 1934 wurde an den Hansa-Stuben eine Gedenktafel für Karl Radke angebracht. Für die SPD und das Reichsbanner im Landesteil Lübeck hatte der Tod Radkes verheerende Auswirkungen. Ihre Anhänger wurden jetzt hemmungslos terrorisiert und gejagt, so dass einige der führenden Mitglieder Eutin verlassen mussten, um ihr Leben zu retten. Bis zu dem endgültigen Verbot 1933 sollte sich die Partei in Eutin nicht mehr davon erholen.